Kälte beeinflusst Denken und Entscheidungen
Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung hat ergeben, dass bereits kurze Aufenthalte in einer sehr kalten Umgebung die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen messbar beeinträchtigen können. An der Studie, die im sogenannten terraXcube-Klimakammerzentrum durchgeführt wurde, waren unter anderem Forscherinnen und Forscher aus Südtirol und Innsbruck beteiligt. Sie liefert neue Einsichten darüber, wie geringe Umgebungstemperaturen Denkprozesse, Reaktionszeiten und Entscheidungsverhalten beeinflussen können.
In dieser kontrollierten experimentellen Studie setzten die Wissenschaftler gesunde Erwachsene für rund 15 Minuten unterschiedlichen Temperaturbedingungen aus, darunter auch sehr niedrigen Temperaturen von minus 10 °C. Wichtige kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Entscheidungsfindung wurden vor, während und nach der Kälteeinwirkung gemessen. Die Ergebnisse zeigen, dass bereits eine kurze Kälteeinwirkung zu einer spürbaren Leistungsverschlechterung führen kann, sogar bevor eine kritische Abkühlung der Körperkerntemperatur eintritt.
Konkret ergab die Studie, dass die Probandinnen und Probanden bei niedrigen Temperaturen deutlich langsamere Reaktionszeiten hatten und in Tests zur Aufmerksamkeit und Entscheidungsfindung häufiger Fehler machten. Zudem veränderte sich das Risikoverhalten. Bei Kälte neigten die Teilnehmenden dazu, weniger riskante Entscheidungen zu treffen. Diese Effekte traten unabhängig davon auf, ob die Versuchspersonen angemessen gekleidet waren oder nicht. Dies deutet darauf hin, dass Kälte direkt auf kognitive Prozesse wirkt und nicht nur indirekt über das subjektive Empfinden von Unbehagen.
Solche Erkenntnisse sind nicht nur für Laborsituationen relevant, sondern haben auch praktische Bedeutung für Menschen, die sich im Winter oder in kalten Bergregionen aufhalten. Insbesondere Personen, die in einer frostigen Umgebung arbeiten oder sich in der freien Natur bewegen, beispielsweise Bergretter, Skitourengeher oder Arbeitnehmer im alpinen Raum, sollten sich der möglichen kognitiven Einschränkungen bewusst sein. Denn schon kurze Expositionen gegenüber kalter Luft können die Fähigkeit zur schnellen Reaktion oder klaren Entscheidung beeinträchtigen. Gerade in Notfallsituationen kann dies erhebliche Konsequenzen haben.
Die Forscherinnen und Forscher betonen, dass die Untersuchung in einer kontrollierten Klimakammer stattfand, um möglichst präzise Messungen zu ermöglichen. In realen alpinen Umgebungen wirken sich zudem weitere Faktoren wie Wind, körperliche Anstrengung oder Stress negativ auf die Situation aus. Dennoch liefert die Studie wichtige Hinweise darauf, dass der Einfluss von Kälte auf das Gehirn stärker ist, als viele Menschen im Alltag vermuten.
Die Untersuchungsergebnisse stehen im Einklang mit früheren wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass kalte Luft oder kaltes Wasser die Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und die Verarbeitungsgeschwindigkeit beeinträchtigen können. In anderen Untersuchungen wurden bei ähnlichen Temperaturen ähnliche Effekte beobachtet, wie längere Reaktionszeiten oder verminderte Leistungsfähigkeit bei komplexen Aufgaben.
Aufgrund der vorliegenden Befunde empfehlen Notfallmedizinerinnen und -mediziner sowie alpine Sicherheitsexperten, bei Aufenthalten in kalter Umgebung nicht nur auf physische Risiken wie Unterkühlung oder Erfrierungen zu achten, sondern auch die geistigen Auswirkungen der Kälte zu berücksichtigen. Zu den möglichen Maßnahmen zählen die Einplanung wiederkehrender Pausen bei Touren in großer Kälte, die Bereitstellung von ausreichend Schutzkleidung sowie die strategische Planung von Entscheidungen, um anspruchsvolle kognitive Aufgaben nicht in den kältesten Phasen durchzuführen.
Die Studie trägt insgesamt dazu bei, dass wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln, wie der menschliche Körper und Geist auf extreme Umweltbedingungen reagieren. Sie betont, dass Kälte nicht nur ein physisches Unbehagen darstellt, sondern dass sie das Denken, Bewerten und Handeln von Menschen beeinflusst. Dies ist ein Faktor, der in vielen alpinen und winterlichen Lebensbereichen berücksichtigt werden sollte.